Vielen Dank für die zahlreichen Einsendungen von Artikeln zum Thema Zukunft. Nach langem Überlegen haben wir uns jetzt für die beiden folgenden Beiträge als Gewinner entschieden. Wir konnten keinen alleinigen Gewinner bestimmen, da wir beide Texte gleich gut fanden. Viel Spaß beim Lesen.
Kurzgeschichte einer Schülerin der EF
Ich blicke auf. Auf meinem Kalender ist eine rot eingekreiste 21. Heute ist der 21.06.2100, mein Geburtstag. Ich klettere leise aus der oberen Hälfte des Bettes, unter mir schläft meine Schwester tief und fest.
Es muss gerade Morgendämmerung sein, ich kann aber immer noch nicht schlafen und beschließe letztlich wach zu bleiben und mich diesem grauenhaften Tag eher zu stellen als ich muss.
Seufzend stapfe ich in das Badezimmer und sehe in den Spiegel am Waschbecken. Augenringe. Ich wasche mein Gesicht, putze mir die Zähne und ziehe meine Stiefel an, um mit unserem Hund Gassi zu gehen. Sobald ich das Haus verlasse und mir die frische – durch den Kapitalismus beschmutzte – Luft in die Nase steigt, gewinne ich an Klarheit.
Ich bin 16 geworden. Das bedeutet, wie für jeden anderen Teenager im Alter von 16 Jahren, arbeiten, bis das ich an Abgasen sterbe und noch schlimmer, ich werde gechippt. Seit der Wirtschaftskrise von 2060 soll nichts mehr so gewesen sein wie es einmal war. Naja, so hatte man sich die Zukunft damals nicht vorgestellt: Überbevölkerung, Inflation, Klimawandel, mehr Kriege und aufgebrauchte Ressourcen.
Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte ich behaupten, das Ende der Welt sei nah. Man hat den Menschen fast alle Rechte abgesprochen. Die Todesstrafe wurde wieder eingeführt.
Ich sage, dass sie – wer auch immer sie sind – keine andere Lösung für die Überbevölkerung finden. Also schnappen sie sich jeden ab sechzehn Jahren, pressen ihm einen Chip in den Arm und können auf Knopfdruck Menschen umbringen.
Meine Schwester Ellie hat noch zwei Jahre Zeit. Der Gedanke schmerzt.
Erst neulich wurde ein 17-jähriger in aller Öffentlichkeit ermordet, er stahl Nahrung für seine hungernden Geschwister. Max Brenner heißt er. Die Kinder wurden seither nicht mehr gesehen. Ich kannte sie, gute Menschen.
Eine laute Sirene reißt mich aus meinen Gedanken. Von allen Seiten ertönt eine ohrenbetäubende Sirene. „Achtung, es werden Änderungen vorgenommen. Ab Samstag, den 23.06.2100, haben sich offiziell alle Menschen im Alter von 14 Jahren der Chip-Implantation zu unterziehen“
Nein! Ehe ich es realisiere, renne ich schon los. Ich nehme alles hin, aber nicht das. Ich stürme in das Haus und reiße Ellie aus dem Bett.
„MOM, DAD!“ Doch sie stehen schon mit weit aufgerissenen Augen vor mir. Sie haben es gehört. Ich renne in das Schlafzimmer meiner Eltern und wecke meinen kleinen Bruder. „Hör gut zu“, sage ich, „Wir gehen weg, in Ordnung? An einen wunderschönen Ort“. Doch er ist zu müde um mir zu antworten. Ich nehme seine Hand und schicke ihn ins Bad.
Meine Eltern reden leise auf Ellie ein und packen währenddessen unsere Taschen. Wir nehmen das Wichtigste mit. Klamotten, Geld und Essen für unterwegs.
Ich spüre den Kloß in meinem Hals. Ellie darf nicht gechippt werden, es wird sie nach 2 Tagen umbringen.
Wir rennen allesamt in das Auto und mein Vater fährt los. Er kennt Schlupflöcher, die an den Grenzen vorbeiführen. Meine Mutter sieht uns vom Beifahrersitz aus an: „Wir gehen zu eurer Tante.“ Wir nicken nur.
Mehrere Stunden später sind wir in Kingswood und überzeugen die Leute an der Grenze davon, dass wir unserer Tante nur für einige Tage einen Besuch abstatten, weil sie schwer erkrankt ist. Sie lassen uns mit einem diabolischen Lächeln auf den Lippen vorbei.
Irgendetwas stimmt nicht. Wir kommen in ihrem Block an. Alles voller Trümmer, die Häuser zerstört. Keine Lebenden.
Meine Mutter bricht zusammen. „Nein“, flüstert Ellie.
Merkwürdig bekleidete Menschen kommen auf uns zu. Ich nehme unsere Taschen und meinen Bruder auf den Arm und mache mich bereit zu rennen. Ich werfe meinen Eltern einen vielsagenden Blick zu. Wir werden rennen. „Los“, flüstert meine Mutter. Ich renne.
Plötzlich höre ich zwei schmerzverzerrte Schreie, bevor meine Eltern zu Boden fallen. „Lauft!“, schreit meine Mutter. Meine Beine tragen mich davon.
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Gedicht einer Schülerin der Q1
Irgendwann
Irgendwann bauen wir ein Zuhause für die, die nie eins hatten
Und dort wird getanzt, gelacht und geliebt
Irgendwann lässt du gehen was nicht bei dir bleiben will und weißt selber wann es Zeit ist zu gehen
Irgendwann kannst du wieder mutig sein und vergibst dem der dich verletzt hat
Irgendwann schaffst du es deine Familie zurückzulassen und ziehst in eine andere Stadt
Irgendwann verstehst du, dass du nicht immer funktionieren musst und dass es okay ist zu weinen
Irgendwann strebst du nicht mehr danach, dass es dir schlechter geht sondern erlaubst dir zu heilen
Irgendwann kannst du dich für dich selbst entscheiden und weißt was dir guttut und du fühlst dich nicht mehr so leer
Irgendwann schaust du in den Spiegel und siehst du bist genug und irgendwann versteckst du dich nicht mehr
Irgendwann wird es dir besser gehen und du kannst die Liebe annehmen die du verdienst
Irgendwann hast du wieder die Kraft und auch die Hoffnung kehrt zurück
Irgendwann kannst du dich wieder selber lieben und siehst deinen Wert und dein Glück
Irgendwann siehst du ihren Instagram Post und es macht dir gar nichts mehr aus
Und irgendwann kritisiert dich jemand und du machst dir gar nichts draus
Irgendwann denkst du an die schlimme Zeit und zitterst nicht mehr so beschämt
Irgendwann erinnerst du dich was er dir mit dir gemacht hat und fühlst dich nicht mehr wie gelähmt
Irgendwann versteht jemand dein Trauma und den Schmerz in dir
Irgendwann nimmt dich jemand wahr und will dich nicht verliern‘
Ja irgendwann bist du nicht mehr so allein und du schaffst es aufzustehen
Irgendwann fühlst du dich nicht mehr so klein und kannst dir Fehler eingestehen
Irgendwann entschuldigst du dich nicht mehr so viel
Und irgendwann bist du wieder glücklich und agil
Und irgendwann nach Zeit und Kampf ist die Welt nicht mehr schwarz-weiß
Irgendwann hast dus geschafft und siehst all die vielen bunten Details
Ja Irgendwann da wirst du heilen
Doch vielleicht jetzt noch nicht
Jetzt musst du für dich selbst da sein
Denn deine Zukunft braucht dich
