Was sind die Ursachen von Mobbing?
Wenn etwas passiert, dass schwer zu ertragen ist, dann sucht der Mensch von Natur aus nach einem „warum?“. So war es auch bei mir. Lange ging ich davon aus, dass ich gut ins Profil eines „Opfers“ passte. Ich hatte quasi keine Freunde, weswegen ich lange ein einfaches Ziel war, da es niemanden gab, der mich verteidigt hätte. Ich war nicht wie der Durchschnitt und damit „seltsam“. Ich entsprach nicht der Norm oder dem gängigen Schönheitsideal.
Nun da ich etwas Abstand zur Situation habe, sehe ich vor allem eines ein: Diese Gedanken sind in erster Linie ein Produkt der verzehrten Selbstwahrnehmung, die mir über lange Zeit von anderen eingeredet wurde. Wenn man nur lange genug gesagt bekommt, man sei dumm, hässlich, seltsam und es wäre besser, wenn man verschwinden würde, dann beginnt man es zwangsläufig irgendwann zu glauben. Man sieht die Schuld bei sich. Mit der Realität hat das allerdings nichts zu tun!!!
Kein Mensch hat es verdient gemobbt zu werden oder ist selber daran schuld! Wenn sich jemand falsch verhält, dann ist diese Person als einzige für ihre Taten verantwortlich!
Die Ursachen für Mobbing liegen bei den Tätern. Manchmal sind diese selbst Unglücklich und wollen sich besser fühlen, indem sie andere runterziehen. Oft geht es dabei um eigene Unsicherheit und Ängste oder um das Überspielen eigener Schwächen. Meiner Erfahrung nach hat es Gründe, wenn sich ein Mensch so verhält.
Ich möchte an dieser Stelle betonen: Hier geht es um eine Erklärung des Verhaltens, nicht um eine Rechtfertigung oder gar Entschuldigung.
Mein Verständnis und Mitgefühl halten sich an dieser Stelle in Grenzen, da die Täter auch nicht fälschlicherweise als Opfer dargestellt werden sollten. Die Opfer sind logischerweise die Menschen, die unter dem Mobbing leiden und das teilweise noch lange, nachdem es nicht mehr stattfindet.
Die Täter realisieren oft nicht, oder erst deutlich zu spät, was sie anrichten und was Mobbing mit einem Menschen machen kann. Insbesondere bei Jugendlichen, die gerade erst dabei sind zu lernen, wer sie selbst sind, kann es zu erheblichen Problemen in der Selbstwahrnehmung und damit auch beim Selbstwertgefühl führen.
Ich will dieser Stelle erneut darauf hinweisen, dass dieser Artikel unter Umständen auf Grund der Thematik nicht für alle Leser*innen geeignet ist.
Wenn ihr lieber nichts über die folgenden Themen lesen möchtet, dann würde ich empfehlen zum dritten Teil des Artikels zu springen.
Triggerwarnung: Erwähnung von selbstverletzendem Verhalten und Suizid.
Was für Folgen kann Mobbing haben?
Mein Leben hat sich durch die soziale Ausgrenzung und das Mobbing stark verändert.
Meine Noten wurden schlechter, weil ich mich nicht mehr traute, im Unterricht aufzuzeigen. Ich verlor den Spaß am Lernen, an der Schule und an vielem, dass mich früher glücklich machte. Generell war es so, dass ich zu der Zeit kaum noch Freude verspürte und oft weinte. Ich war immer sehr offen und habe gerne geredet, aber in dieser Zeit wurde ich verschlossen und zog mich immer weiter zurück. Ich litt zu der Zeit unter Schlafmangel, der dadurch bedingt wurde, dass ich vor lauter Sorge und Angst vor dem nächsten Schultag nicht schlafen konnte. Über längere Zeit hatte ich immer wieder Panikattacken. Ich hatte Suizidgedanken und habe mich auch eine Zeit lang immer wieder selbst verletzt. Ich fühlte mich, als wäre ich in einem schwarzen Loch gefangen.
Bis heute merke ich manchmal noch, wie sich alte und ungesunde „Denkmuster“ bemerkbar machen. Ich zweifle an mir selbst und denke, dass ich viele Dinge nicht schaffen kann, weil ich nicht schlau, stark oder generell gut genug dafür bin oder hinterfrage, ob ich Erfolge wie zum Beispiel gute Noten wirklich verdiene. Ich habe auch durch die Erfahrungen, dass „Freunde“ sich von mir abwandten, weil sie sich nicht selbst zum Ziel werden wollten, oft Angst dies könnte mir in anderen Freundschaften wieder passieren, weil ich nicht gut genug sein könnte, dass man mit mir befreundet sein will.
Wenn man diese Gedanken und dieses falsche Selbstbild internalisiert hat, dann wird man es nur schwer wieder los. Aber der erste Schritt dafür ist, zu erkennen, wo diese Gedanken herkommen und dass sie nicht der Realität entsprechen. Ich fand neue, echte Freunde, die für mich da waren, wenn es mir schlecht ging, und mir halfen meinen eigenen Wert zu erkennen. Erst dadurch, dass ich mich selbst über eine lange Zeit mit diesem Teil meiner Vergangenheit beschäftigt habe, fühle ich mich heute einigermaßen dazu in der Lage darüber zu sprechen.
Warum habe ich mich trotzdem entschieden, über dieses sehr persönliche Thema zu sprechen?
In erster Linie glaube ich, dass alle Schülerinnen und Schüler ein Recht auf eine angstfreie Schulzeit haben, die ihnen wichtige Fähigkeiten, soziale Kompetenzen und Freude am Lernen vermittelt. Es geht in der Schule nicht immer nur um den Lehrplan. Wenn dieser Text also nur einer Person hilft, die sich in einer ähnlichen Situation befindet wie ich damals, dann wäre das mehr als genug Anlass für mich meine privaten Erfahrungen zu teilen. Mobbing und seine möglichen Folgen sind viel verbreiteter, als die meisten Menschen denken, daher halte ich es für wichtig, dass darauf aufmerksam gemacht wird. Eine Studie bei Statista ergab beispielsweise, dass mehr als 30% der befragten schon einmal Opfer von Mobbing wurden. Laut dem Bundesgesundheitsministerium leidet jeder dritte Mensch im Laufe seines Lebens an einer behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung. Probleme der mentalen Gesundheit bei Jugendlichen sind sehr verbreitet und Mobbing ist eben auch ein Faktor, der dazu beiträgt.
Hätte man mich vor fünf bis sieben Jahren gefragt, wo ich mich in fünf Jahren sehe, hätte ich vermutlich gedacht, dass ich es so weit nicht schaffen werde. Jeder Tag war eine Herausforderung, aber ich bin trotz allem noch hier, um meine Geschichte zu erzählen und dafür bin ich jeden Tag dankbar. Ich habe mein Abitur mit Erfolg bestanden und befinde mich im Studium. Ich habe meine Freude am Lernen wiedergefunden und möchte diese auch weitergeben, deswegen studiere ich auf Lehramt. Ich möchte etwas bewegen und für Opfer von Mobbing die Lehrkraft sein, die ich mir selbst gewünscht hätte.
–> Weiter geht es in Teil 3! Der Folgeartikel erscheint am Montag
