Jeden Donnerstag ein neues Kapitel
von unserer Autorin D.cee
aus der spannenden Erzählung „Sleeping in a lie“
Mein Handy fiel heraus, als meine Mutter meine Jackentasche zu fassen bekam. Dann schlossen sich die Türen. Ich war drinnen, meine Mutter draußen. Ich hatte es geschafft, von dieser Frau abzuhauen. Und ich plante auch nicht, jemals wieder zurückzukommen, egal wie viel Geld mir meine Mutter bot.
Ich schaute aus dem Fenster und sah, wie meine Mutter anfing zu fluchen und mit meinem Handy herumwedelte, während mein Bruder auf sie zulief. Dann setzte sich der Zug in Bewegung und sie verschwanden aus meinem Sichtfeld.
Langsam fing ich an, mich zu beruhigen, und suchte einen Sitzplatz. Jetzt konnten sie mich nie wieder verfolgen – und ganz bestimmt nicht mehr finden. Ich fragte mich, woher sie wohl wussten, dass ich zum Hauptbahnhof wollte. Vielleicht hatten sie mich gesehen, wie ich ins Taxi eingestiegen war? Doch ich hatte extra darauf geachtet, dass uns keine schwarzen Autos verfolgten. Außerdem hätte meine Mutter das nie heimlich gemacht. Sie liebte es, ihren Gegnern zu zeigen, dass sie da war. Es machte die Leute nervös, wenn sie wussten, dass sie verfolgt wurden. Und Nervosität führte zu Fehlern wie einem Unfall oder Ähnlichem.
Ich fand einen Sitzplatz neben einem etwas übergewichtigen Mann und ließ mich erschöpft nieder. Ich sah mich im Zug um. Alle anderen schienen entweder auf ihre Handys fokussiert oder in ein Buch vertieft zu sein.
Die Anzeigetafel des Zuges zeigte 17:22 Uhr. Es war der 18. Januar. In nicht weniger als 16 Stunden würde ich in Miami sein. Frei. Ohne meine Mutter. Ohne meinen Bruder.
Ich griff in meine Jackentasche, um mein Handy herauszuholen, doch dann fiel mir ein, dass meine Mutter es hatte. Natürlich. Mein Handy. Meine Mutter hatte einen GPS-Tracker darin installiert. Das war der Grund, warum sie mich so schnell gefunden hatte.
Jetzt wurde mir auch klar, warum sie so geflucht hatte, als ich im Zug war, anstatt mich nur mit einem Todesblick zu durchbohren. Wäre mir das vorher bewusst gewesen, hätte ich das Handy längst entsorgt und mir ein neues gekauft.
Da ich nichts anderes zu tun hatte, beschloss ich, ein kleines Nickerchen zu machen. Ich wusste nicht, wie lange ich geschlafen hatte, doch ich wachte auf, als mich jemand an der Schulter rüttelte.
„Hallo? Ma’am? Könnten Sie mal Platz machen?“
